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Motivation und zu schnell zu viel fordern

 

Dieser Blogbeitrag dreht sich nicht so sehr um Freddie’s Fortschritte sondern um Lerntheorie, d.h. die wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie Lernen an sich, unabhängig von Spezies, Alter, Geschlecht, vor sich geht.

 

Hier ein Auszug aus dem Originaltrainingstagebuch, den ich dann analysieren werde:

21.01.15
Ich wechsle die Belohnung von Kraftfutter auf Kanne Energiebarren (sehr klein gebrochen).

Anmerkung: die Ponies sind durch die Energiebarren immer gut zu motivieren gewesen, ich gehe davon aus, dass dies bei Freddie auch der Fall sein wird.

Erstmal Skepsis und weniger Enthusiasmus.

Anmerkung: für Freddie haben die Energiebarren wenig Belohnungswert. Sie sind ihm fremd und scheinen ihm nicht zu schmecken.

Frage Handtarget und folgen in den Auslauf ab. Berühren am Halsband – geht gut. Variiere die „lass‘ Dich berühren“ Anforderungen. Bislang kennt er: Berührung von OBEN am Hals, Widerrist, Rücken, Kruppe. Überwiegend von links und aufrecht stehend.

Jetzt frage ich „kann ich Dich von UNTEN am Hals berühren?“ – Skepsis, Schritt zurück. Das wird für heute übrigens seine Standardantwort auf die verschiedenen Berührungsanfragen.

Frage nach Handtarget als vertraute Übung – gut und kommt wieder näher. Unter dem Hals geht nach einigen Wiederholungen.

Unter dem Hals anfassen mit vorbeugen (weil er etwas entfernt steht) – Skepsis, Schritt zurück. Also frage ich erst mal „darf ich mich zu Dir beugen?“ Das findet er überhaupt nicht toll.

22.01.15

heute wieder mit Kraftfutter bestätigt. Motivation ist deutlich höher.

Dieser Auszug zeigt mehrere Fallen, in die man als frisch gebackener Clickertrainer tappen kann.

 

  1. Motivation, Wertigkeit der Belohnung:

    Im Clickertraining verwenden wir als Konsequenz für ein gezeigtes Verhalten die positive Verstärkung = eine Belohnung (auf die Unterschiede zwischen den verschiedenen Verstärkungen und Strafen = Konsequenzen gehe ich in einem der nächsten Blogs ein).

    Wir stellen als Trainer gerne Mutmaßungen darüber an, welche Belohnung für das Tier, mit dem wir trainieren, die beste, lohnendste, motivierendste ist. Aber nicht der Trainer, sondern der Schüler entscheidet über die Wertigkeit der Belohnung, wie viel er hierfür zu leisten bereit oder fähig ist.


    Futter ist meistens eine sehr hochwertige Belohnung. Das ist für uns Menschen erstmal gewöhnungsbedürftig, denn unsere gesamte Gesellschaft ist auf abstrakte Belohnung (Bargeld oder sogar virtueller Wohlstand wie eine Kreditkarte oder bitcoin) aufgebaut, die keinen sofortigen, spürbaren Wert hat. Geld macht nicht satt aber wir können uns von Geld Lebensmittel kaufen. Geld ist ein sekundärer Verstärker, Nahrungsmittel ein primärer Verstärker (auch hierzu später mehr).

    Bei Futter gibt es aber unterschiedlich wertige Belohnungen: Dinge, die täglich zur Verfügung stehen, wie z.B. Heu, haben einen geringen Wert als Belohnung. Futter mit höherem Energiewert oder besserem Geschmack oder nur gelegentlicher Verfügbarkeit hat einen deutlich höheren Stellenwert. Das wären also Kraftfutter, Leckerli verschiedenster Art, frisches Futter, usw.

    Abhängig vom Individuum und auch der Jahreszeit schwankt auch hier die Wertigkeit. Ein trockenes Leckerli, das im Winter gerne genommen wird, kann beim Anblick von frischem Frühlingsgrün zeitweise seinen Wert enorm verlieren.

    In Freddie’s Fall war das bekannte Kraftfutter höher wertig als die unbekannten Energiebarren. Warum? Das entscheidet nur er. Vielleicht waren sie ihm zu hart oder der Geschmack hat ihm nicht zugesagt. Oder er konnte in der bereits existierenden Trainingssituation mit den bereits an ihn gemachten Anforderungen sich nicht auch noch mit neuem Futter auseinander setzen.

    Was auch immer, seine Reaktion am Folgetag zeigte mir, dass ich vorerst bei der etablierten Belohnung bleiben muss.

  2. Zu schnell zu viel fordern (im Fachjargon: zu großschrittig vorgehen):

    Der schnelle Erfolg beim Training mit positiver Verstärkung kann dazu verführen, nach den ersten positiven Resultaten dann zu schnell voran zu gehen, die einzelnen Trainingsschritte immer grösser werden zu lassen und dabei aus den Augen zu verlieren, ob der Schüler den vorherigen Trainingsschritt überhaupt verstanden hat.

    Verführt durch die guten Resultate mit Anfragen, ob ich Freddie berühren darf, wenn ich aufrecht stehe, hatte ich an diesem Tag die Anforderung für Berührung zu schnell verändert. Für uns mag eine Änderung von „aufrecht“ zu „gebückt“ nicht viel bedeuten (und für Tiere, die ein tief gehendes Vertrauen zum Menschen haben, auch nicht) aber für Freddie war das eine enorme Änderung in den Spielregeln.

    Dies hat er auf seine Art und Weise zu verstehen gegeben: er ging einen Schritt zurück.

    Solch ein Verhalten ist keine Widersetzlichkeit, sondern ein körpersprachliches „hey, das geht mir grade zu schnell, das kann ich nicht aushalten!“

    Und ich hätte das mit einem Strick und/oder Festhalten sehr viel schneller lösen können aber hätte dann vermutlich Freddie’s noch wackeliges Vertrauen in mich, die neuen Regeln und das Clickerspiel in Gefahr gebracht.


Der Schüler bestimmt nämlich nicht nur, für welche Belohnung es sich lohnt, am Spiel teilzunehmen, sondern auch, in wie kleinen oder grossen Schritten die Anforderungen, die Regeln des Spieles geändert werden können.

 

Schlußbemerkung: was ich hier bespreche, sind nur Teile der Lerntheorie, die Basis jedes Trainings - nicht nur Clickertraining - sein sollte. Hierzu werde ich im Verlauf des Blogs immer wieder schreiben.

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